Encountering Otherness
Beitragsbeschreibung
Emine Mulgrew, Malula Remote Intern
7/27/20266 min lesen
Es gibt einen Moment, der sich in den Berichten fast aller Malula Freiwilligen wiederfindet: den Moment, in dem sie einer Geschichte oder Erfahrung zuhören, die sich grundlegend von ihrer eigenen unterscheidet, und dennoch etwas Gemeinsames entdecken.
Diesen Moment habe ich selbst in Kolumbien erlebt. Während meiner Zeit als Freiwillige bei Malula saß ich mit Menschen zusammen, zu denen das Land über ein halbes Jahrhundert hinweg gelernt hatte, Abstand zu halten: Angehörigen der indigenen Embera Gemeinschaft, Mitgliedern afrokolumbianischer Gemeinschaften und ehemaligen FARC Kämpferinnen und Kämpfern, die im Rahmen des Friedensabkommens von 2016 ihre Waffen niedergelegt hatten. Es sind Gruppen, die eine einzige Erzählung konsequent auf entgegengesetzte Seiten einer Grenze stellt: hier die Opfer, dort die Täter, dort die Marginalisierten. Diese Trennung zu überwinden, war bereits ein erster Schritt hin zu Verbundenheit.
Der Komfort der einzigen Erzählung
Andere zu Fremden zu machen, ist einfach. In den meisten gesellschaftlichen Kontexten scheint es beinahe die Standardeinstellung von Regierungen, Gesellschaften und sozialen Gruppen zu sein. Besonders nachvollziehbar wird dies in einem Land, das Jahrzehnte eines bewaffneten Konflikts erlebt hat. Einen Menschen zum Anderen zu machen bedeutet, eine Grenze zu ziehen: wir auf dieser Seite, sie auf der anderen. Und zwischen beiden Seiten entsteht eine Distanz, die so groß ist, dass die Person auf der anderen Seite aufhört, vollständig real oder greifbar zu sein.
Eine solche Distanz ist niemals neutral. Sie ermöglicht Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit, wie mehr als ein Malula Freiwilliger erfahren hat, ist der Boden, auf dem Gewalt entstehen kann. Lina, Präsidentin von Malula, sagte nach einer Reihe von Begegnungen, die ihr Verständnis des Konflikts nachhaltig verändert hatten:
„Frieden und Erinnerung können nicht auf Gleichgültigkeit aufgebaut werden.“
Die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen beschreibt also nicht lediglich Unterschiede. Sie ist vielmehr eine Entscheidung darüber, wie viel von einem anderen Menschen wir bereit sind, in unser Verständnis und unser Denken hineinzulassen.
Diese Trennung oder künstlich geschaffene Distanz entsteht nicht von selbst. Sie ist nicht von Natur aus im menschlichen Denken verankert, sondern vielmehr eine Folge gesellschaftlicher Sozialisation. Sie funktioniert weniger wie eine bewusste Entscheidung als wie ein übernommener Deutungsrahmen, der nur selten ausdrücklich vermittelt wird und dennoch unsere Sicht auf andere Menschen und unsere Urteile über sie prägt.
Hat sich ein solcher Rahmen einmal etabliert, lassen sich Ideologie und Verhalten nur schwer voneinander trennen. Beide verstärken sich gegenseitig: Die Distanz, die wir voraussetzen, rechtfertigt unser Handeln, und unser Handeln vertieft wiederum diese Distanz. Genau deshalb fühlt sich das Fremdmachen oft wie eine Selbstverständlichkeit an und nicht wie eine bewusste Entscheidung.
Das Fremdmachen lebt von der einzigen Erzählung, vom Blick auf nur eine Seite. Deshalb ist mir die Begegnung mit den ehemaligen FARC Mitgliedern besonders im Gedächtnis geblieben. Ich war mit all den abstrakten Vorstellungen gekommen, die das Wort „Guerilla“ automatisch hervorruft.
Stattdessen begegnete ich Menschen von bemerkenswerter Alltäglichkeit und großer Ausdrucksfähigkeit. Viele waren offensichtlich gut ausgebildet und konnten ihre Perspektiven mit einer Klarheit formulieren, die jede meiner mitgebrachten Annahmen erschütterte. Obwohl viele heute unter äußerst prekären Bedingungen leben und weiterhin Bedrohungen ausgesetzt sind, reisten sie durch das Land, um über ihre Vergangenheit zu sprechen und darüber, was sie für die Zukunft aufbauen möchten.
Die andere Seite hörte dadurch nicht auf, die andere Seite zu sein. Aber die Menschen auf ihr hörten auf, bloße Abstraktionen zu sein.
Lina beschreibt denselben Wendepunkt aus ihrer Begegnung mit Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern des Friedensabkommens:
„Zum ersten Mal hörte ich die Menschen sprechen, die auf der anderen Seite gewesen waren. Ich nahm sie als Menschen wahr, die ihr Leben neu aufbauten und denen sowohl das Land als auch ihre eigenen Möglichkeiten für einen Neuanfang am Herzen lagen.“
Für sie bedeutete das Verständnis des Konflikts auch, die Komplexität jener Menschen anzuerkennen, die ihn erlebt hatten, und zu akzeptieren, dass Geschichte nur selten aus einer einzigen Perspektive verstanden werden kann.
Genau darin liegt das stille Argument dieses gesamten Gedankens: Dem Anderen zu begegnen bedeutet, den Komfort einer einzigen Sichtweise aufzugeben und anzuerkennen, dass das vollständige Bild immer komplexer und zugleich menschlicher sein wird als jenes, mit dem wir begonnen haben.
Wo Frieden tatsächlich entsteht
Was mich in Bogotá besonders beeindruckte, war nicht nur die Tatsache, dass solche Begegnungen möglich waren. Vielmehr waren bewusst Räume geschaffen worden, in denen sie stattfinden konnten.
Die Casa de la Paz wird von ehemaligen FARC Mitgliedern und Opfern des bewaffneten Konflikts gemeinsam getragen. Sie beherbergt ein Museum über den Konflikt, schafft wirtschaftliche Perspektiven für ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer und bietet ihnen zugleich eine Plattform, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und aktiv an Versöhnung mitzuwirken.
Nur wenige Straßen entfernt befindet sich das Centro de Memoria, Paz y Reconciliación, das Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung. Seine Aufgabe besteht darin, die Erinnerung an den Konflikt öffentlich zu bewahren, anstatt sie im Schweigen verschwinden zu lassen.
Dies sind keine großen politischen Gesten. Es sind gewöhnliche Räume, in denen die Arbeit des Überwindens von Fremdheit von Angesicht zu Angesicht geschieht, ein Gespräch nach dem anderen. In beiden Einrichtungen finden regelmäßig Veranstaltungen und Diskussionsrunden statt, die den Prozess der Versöhnung weiterführen.
Das Ausmaß dessen, was das Friedensabkommen in Bewegung setzte, verdient es, klar benannt zu werden. Mehr als 13.000 FARC Mitglieder wurden nach 2016 offiziell demobilisiert. Ein großer Teil der Bewegung entschied sich bewusst für eine gemeinsame Wiedereingliederung in die Gesellschaft. In ländlichen Siedlungen entstanden Genossenschaften, Fußballvereine, Brauereien, Organisationen zur Minenräumung und verschiedene soziale Unternehmen, anstatt dass ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer anonym in der Gesellschaft verschwanden.
Dieser Prozess ist keineswegs vollkommen. Die kolumbianische Gesellschaft war und ist tief über das Friedensabkommen gespalten. Beim Referendum 2016 wurde es zunächst knapp abgelehnt, bevor eine überarbeitete Fassung später vom Parlament verabschiedet wurde. Zudem griffen einzelne Dissidentengruppen erneut zu den Waffen.
Und dennoch ist der Wille sichtbar, Versöhnung auf Ebene lokaler Gemeinschaften offen und gemeinsam zu gestalten.
Der Blick einer Außenstehenden
Da ich aus dem Vereinigten Königreich komme, musste ich unweigerlich Vergleiche mit dem Frieden ziehen, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin.
Nordirland erreichte mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 ebenfalls eine politische Friedensregelung. Nach den meisten Maßstäben war sie erfolgreich: Die Gewalt ging weitgehend zurück und kehrte nicht mehr in vergleichbarem Ausmaß zurück.
Doch die Beschaffenheit dieses Friedens unterscheidet sich deutlich von dem, was ich in Kolumbien erlebt habe. Und dieser Unterschied führt unmittelbar zum Thema der Begegnung mit dem Anderen.
Während ehemalige FARC Mitglieder heute öffentlich durch das Land reisen und ihre Erfahrungen erzählen, halten sich ihre nordirischen Pendants größtenteils weiterhin an einen Kodex des Schweigens.
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist das Belfast Project des Boston College. Dabei handelte es sich um ein Oral History Projekt, das persönliche Zeugnisse ehemaliger republikanischer und loyalistischer Paramilitärs nur unter der Bedingung sammelte, dass keines der Interviews veröffentlicht würde, solange die jeweilige Person lebte.
Als diese Vertraulichkeit später durchbrochen wurde und die Polizei Zugang zu einigen Aufzeichnungen erhielt, führte dies nicht zu Versöhnung, sondern zu Morddrohungen, Verhaftungen und jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen.
Forschende, die ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer beider Konflikte miteinander verglichen haben, weisen auf denselben Unterschied hin: Die Zurückhaltung ehemaliger nordirischer Republikaner, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen, ist offensichtlich.
Ich ziehe diesen Vergleich nicht, um Kolumbien zu idealisieren oder Nordirland abzuwerten. Jeder Friedensprozess trägt seine eigenen Verletzungen und bleibt auf seine Weise fragil.
Doch der Vergleich verdeutlicht einen entscheidenden Punkt.
Ein Frieden kann politisch bestehen und dennoch die tiefere Arbeit des Überwindens von Fremdheit weitgehend ungelöst lassen. Ehemalige Gegner bleiben voneinander getrennt, ihre Geschichten bleiben verschlossen und werden vielleicht erst nach ihrem Tod erzählt.
Diese gegenseitige Geheimhaltung kann Ressentiments verstärken, weil Klarheit, Wahrheit und gegenseitiges Verständnis fehlen.
Was ich in Kolumbien erlebt habe, war dagegen ein noch junger, umstrittener und keineswegs abgeschlossener Versuch auf lokaler Ebene: ehemalige Feinde in denselben Raum einzuladen und ihnen zuzuhören, solange sie noch leben und miteinander ins Gespräch kommen können.
Natürlich bestehen auf nationaler Ebene weiterhin zahlreiche Konflikte und unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie eine friedliche Gesellschaft entstehen kann. Doch die Beispiele, die ich selbst erleben durfte, zeigten mir, dass dieser Ansatz für die beteiligten Menschen tatsächlich Wirkung entfalten kann.
Die Praxis, nicht das Ereignis
Nichts davon geschieht automatisch.
Dem Anderen zu begegnen bedeutet nicht einfach, sich in seiner Nähe aufzuhalten.
Lina hatte die Geschichte von Bojayá, einer Partnergemeinschaft von Malula, bereits aus wissenschaftlicher Perspektive studiert. Sie kannte Fotografien, Videos und historische Berichte. Dennoch blieb diese Geschichte auf Distanz, bis sie sie auf eine andere Weise hörte: durch das Zeugnis eines Menschen, der selbst in dieser Gemeinschaft gelebt hatte, durch den Río Atrato, die Kanus, die Lieder und den Verlust, der diesen Ort bis heute prägt.
Nähe zu Informationen ist nicht dasselbe wie Nähe des Herzens.
Ersteres lässt sich in einer Bibliothek erwerben. Letzteres muss erlebt und eingeübt werden.
Und gerade Einübung ist hier das entscheidende Wort.
Die Begegnung mit dem Anderen ist keine einmalige Erfahrung, sondern eine Fähigkeit. Sie verlangt etwas Unbequemes: die Bereitschaft, die Wirklichkeit eines anderen Menschen die eigene Sichtweise verändern zu lassen.
Alejandra beschreibt diesen Prozess und verbindet ihn mit Hoffnung:
„Friedensarbeit in Kolumbien ist ein Weg, der damit beginnt, den Geschichten jener Menschen zuzuhören, die wir als radikal verschieden von uns selbst wahrnehmen.“
Auffällig ist dabei das Wort wahrnehmen.
Die radikale Verschiedenheit ist nicht einfach gegeben. Sie ist etwas, das wir selbst konstruieren und anderen zuschreiben.
Und genau hier liegt die Kraft des Zuhörens. Alejandra sagt weiter:
„Es gibt mehr Geschichten und Erinnerungen, die uns verbinden, als solche, die uns voneinander trennen.“
Jedes Mal, wenn aus einem Fremden ein Mensch wird, jedes Mal, wenn ein Feind komplexer wird, jedes Mal, wenn das „Sie“ ein wenig von seiner Starrheit verliert, wird ein kleines Stück jener Architektur abgetragen, auf der Konflikte aufgebaut sind.
Das ist keine sanfte Ergänzung zur Friedensarbeit.
Es ist Friedensarbeit.
Lina, Präsidentin der NGO Malula, fasst diese Haltung in einem Satz zusammen, der als Leitgedanke für den gesamten Ansatz stehen könnte:
„Weniger Annahmen treffen und mehr zuhören.“
